Wenn wir schon verurteilen und beschuldigen - dann doch bitte effektiv und vollständig!

Ein Paar trennt sich

Vor vielen Jahren war ich in Köln auf einem Seminar mit Eva Maria Zurhorst - Autorin des erfolgreichsten deutschsprachigen Beziehungsratgebers "Liebe dich selbst - und es egal wen du heiratest".

Und es war da ein Paar unter den Teilnehmern. Sie hatten drei Kinder - und er hatte eine neue Liebe gefunden zu einer anderen Frau und wollte die Familie verlassen. Als letzten Versuch besuchte die beiden dieses Seminar. Sie war außer sich vor Zorn und tobte von der ersten Minute und machte ihrem Noch-Mann schwerste Vorwürfe. Sie war tief verletzt von seinem Verhalten und fühlte sich alleine gelassen.

Er saß eher introvertiert und traurig auf seinem Stuhl und sagte nichts - was sie noch wütender machte. Eva Maria begann mit den beiden zu arbeiten. Erst hatte die Frau ihren Teil und berichtet die Welt aus ihrer Sicht. Allen im Raum war klar: Wie konnte der Mann dieser armen Frau das nur antun? Und hätte man eine Abstimmung durchgeführt, der Mann wäre verurteilt worden. Ganz ohne Frage.

Dann wechselte Eva Maria zu ihm - was nicht so leicht war, da die Frau immer wieder dazwischen funkte. Dann begann er seine Welt zu berichten. Von seiner Einsamkeit erzählte er, die er in der Beziehung empfunden hat. Und dem Gefühl, dass seine Frau ihn als Mann nie wertgeschätzt hat. Es wurde ganz still im Raum und er weinte. In diesem Augenblick zuckte ein neuer Gedanke durch mein Hirn: Wie konnte er das nur jahrelang mitmachen? Der hätte sie schon viel früher verlassen sollen, so wie die ihn behandelt hat!

So ging es mehrere Runden weiter und weiter. Und in meinem Kopf - und wohl auch von allen anderen Teilnehmern - ging es munter hin und her. Wer hat denn nun Schuld? Wer ist der Böse?

Recht haben oder glücklich sein - beides geht nicht

Ich habe dabei eine wichtige Lektion gelernt: Das Leben ist nicht so einfach gut oder böse. Ja, wir wollen Recht haben mit unserer Sicht. Und aus unserem Fenster ist alles ganz einfach und wir wissen wer böse ist. Aber macht uns diese Sicht auch glücklich?

"Willst Du recht haben oder glücklich sein?" ist die wohl berühmteste Frage aus dem "Kurs in Wundern".

Und keine andere Frage ist so tiefgründig wahr wie diese einfache Frage. Allerdings auch nichts fällt uns so unendlich schwer als Wahrheit in unserem Leben zu erkennen und zu akzeptieren.

Das Leben ist nicht so einfach Schwarz oder Weiß

Das Leben ist nicht einfach nur schwarz oder weiß.

Menschen sind nicht nur gut und nur böse.

Das Leben hat so viele Graustufen.

Unsere Eltern sind unsere Eltern. Alle Kinder wünschen sich die idealen Eltern. Die immer da sind. Immer klug und weise handeln. Uns bestärken und uns exakt die Liebe geben, von der wir genau wissen, dass wir sie brauchen.

Und umgekehrt wünschen sich Eltern die idealen Kinder. Sie immer ihren Weg gehen. Ihre Eltern wertschätzen, für das was sie als Eltern für die Kinder tun.

Aber am Ende sind sie einfach unsere Eltern und es sind einfach unsere Kinder.

Ja - es ist wahr - unsere Familien treiben uns manchmal in den Wahnsinn. Und doch sind sie die beste Prüfung und das beste Lebenstraining, das uns das Leben schenken kann. Man kann vor seiner Familie wegrennen - es löst aber nicht das Problem.

Wir alle sind nicht perfekt. Niemand auf diesem Planeten ist es.

Jeder von uns hat zahllose Fehler und wir tun idiotische Dinge und sagen Sachen, die wir lieber nicht gesagt hätten. Ich selbst habe so viel falsch gemacht in meinem Leben - ich könnte den Rest meiner Tage alleine über meine Fehler in diesem Blog schreiben.

Und doch spielen wir uns auf zum Richter über unsere Mitmenschen. Wissen genau wer gut und wer böse ist. Was wäre die Welt für ein schöner, friedlicher Ort - wenn doch die anderen nur mal auf mich hören würden. Ich weiß genau wie Leben geht. Wer kennt nicht diesen fiesen Gedanken auch in sich?

Ich bin nicht naiv. Manchmal tun Menschen böse Dinge. Aber wenn wir den Mut haben und genau hinschauen, so ist dies nur die Oberfläche. Wenn wir genau hinschauen, so sehen wir das Böse im Guten und das Gute im Bösen.

Mahatma Gandhi war nicht nur gut. Greenpeace ist nicht nur gut. George Bush ist nicht nur schlecht. Genauso wenig wie Donald Trump.

Yin und Yang

Bildergebnis für yin yang

Aus dem chinesischen Daoismus kennen wir die Idee des Yin und Yang. Und wir alle kenne das kreisförmige Symbol mit den schwarzen und weißen Anteilen.

Nur so richtig in unserem Leben wollen wir es nicht wahrhaben.

Denn in dem schwarzen ist ein weißer Punkt und im weißen ist ein schwarzer Punkt.

Alles fließt und ist im Übergang. Sobald wir beginnen an der Oberfläche zu kratzen, erkennen wir alle Graustufen des Seins - und es wird immer schwerer noch zu sagen ob etwas Gut oder Böse ist.

Deshalb sollten wir vorsichtiger sein mit unseren Urteilen. Das laute Ruf "Haltet den Dieb!" ist oft ja nur eine Ablenkung von den "un-guten" Bereichen in uns. Wenn wir den Mut haben und uns ehrlich die Lage anschauen - jenseits des "offensichtlichen" auf der Oberfläche. Und erkennen dann voller Demut: Ich könnte auch Unrecht haben!  Dann ist dies ist das Ende des Leidens. Und das Ende des ewigen Kampfes. An diesem Punkt beginnt der wahre Frieden mit uns und der Welt. Und unsere Handlungen werden getragen von einer inneren Gelassenheit, dass am Ende alles sich fügen wird.

Das Leben ist eben nicht so einfach wie wir es gerne hätte. Und das ist gut so. Nur so können wir das Leben in seiner ganzen Fülle wahrnehmen - ganz ohne den anstrengenden Filter von Gut und Böse.

"Ich bin nicht dein Guru"

Die Inspiration zu diesem Blogbeitrag kam mir, als ich vor ein paar Tagen erneut die Netflix - Dokumentation von Tony Robbins "I am not your guru" gesehen habe. Nicht nur das ich auf dem Seminar als dieser Film gedreht wurde live dabei war - er berührt mich immer wieder neu. Eine der besten Dokumentationen, die ich kenne und in den letzten Jahren gesehen habe. Selten wurde die spezielle Energie eines Tony Robbins - Seminars so wundervoll eingefangen.

Eine spezielle Szene habe ich seit dem Workshop im Kopf und bekomme immer wieder neu eine Gänsehaut, wenn ich sie sehe. Tony arbeitet dort mit einer Mutter und ihrer Tochter - und beide haben eine höllische Wut auf den Vater. Die Tochter hat jahrelang nicht mehr mit ihrem Vater gesprochen.

Da stellt Tony klar, wie gefährlich es ist, wenn wir jeden Menschen nur auf seine angeblichen Fehler reduzieren. Nur das sehen, was die Person falsch gemacht hat. Und das es immer darum geht das ganze Bild zu sehen. Oder wir werden weiter Leiden.

Tony Robbins nennt die "effektives Beschuldigen" - eben vollständig mit allen Aspekten.

Jeder Mensch in unserem Leben, hat etwas zu dem beigetragen, was wir jetzt sind. Nicht immer ist es leicht diesen Beitrag zu sehen. Aber wer Tony Robbins Lebensgeschichte kennt, weiß das er nie DER Tony Robbins geworden wäre, wenn er die Mutter gehabt hätte, die er sich gewünscht hätte.

Hier der Ausschnitt auf Youtube- und ich habe unten den Text dazu einmal auf Deutsch übersetzt. Weil er so wichtig ist.

(Anmerkung: Noch während des Workshops hat die Tochter ihrem Vater geschrieben - die beiden habe eine neue wundervolle Beziehung aufbauen können, die viel in beiden geheilt hat. 6 Monate danach ist der Vater gestorben. Wenn sie nicht diesen Schritt gegangen wäre - hätte der Gedanken "Mein Vater ist ein Idiot und hat alles falsch gemacht!" sie je glücklich gemacht in ihrem Leben? Willst du recht haben oder glücklich sein?)

Viel Spaß mit Tony Robbins - live in Florida 2014 "Date with Destiny":

 

https://www.youtube.com/watch?v=nqw0FZdQl-k&feature=youtu.be

Weil wenn wir hergehen und die Menschen beschuldigen für alle den Scheiß [den sie gemacht haben],

dann beschuldige sie auch für all das Gute.

Wenn du ihnen Anerkennung gibst, für alles wo sie scheiße gebaut haben,

dann hast du auch anzuerkennen, was großartig war.

Weil das Leben ist nicht so einfach und schwarz und weiß.

Meine Mutter hat die Scheiße aus mir heraus geprügelt.

Sie liebte mich.

Sie flippte als ich dabei war zu gehen.

Ich war ihre Quelle von allem.

Ich beschuldige sie für alle das Schöne in meinem Leben.

Ich beschuldige sie das ich diese Frau in meinem Leben habe,

weil ich meine Frau wertschätze,

weil ich das Gegenteil kenne.

Ich beschuldige sie für meine Fähigkeit zu fühlen und mich zu kümmern.

Ich beschuldige sie für meinen unersättlichen Hunger das Leiden für jeden Menschen zu beenden, wo ich es kann.

Weil ich tonnenweise gelitten habe.

Wenn sie die Mutter die Mutter gewesen wäre, die ich wollte, wäre ich nicht der Mann auf den ich stolz bin.

Wenn wir realisieren können, dass das Leben immer für uns passiert und nicht uns geschieht.

Das Spiel ist vorbei. Aller Schmerz und alles Leiden verschwindet.

(Tony Robbins - Date with Destiny 2014)