Meditation und Führung - Über die Kraft der Stille - Teil 1

Wie soll Stille helfen meine Probleme zu lösen?

Vor ein paar Jahren hatte ich mich zu einem Zen-Wochenende angemeldet. Das Seminar bestand aus: schweigend sitzen, schweigend gehen, schweigend essen. 3 Tage Schweigen. Kein Wort reden.

Puhh  - habe ich gedacht - wie das wohl wird. Und wer mich kennt, glaubt bis heute nicht, dass ich das durchgehalten habe.

Spannend fand ich jedoch das Feedback der Teilnehmer vor und nach dem Wochenende. Es waren rund 25 Teilnehmer und wir alle sind mit den typischen großen und kleinen Problemen in das Kloster angereist. Beziehungsprobleme, der elende Job, die Firma, das Leben, die Familie. Eben was wir Menschen so mit uns rumschleppen. Das ganze Programm an Sorgen und Nöten.

Nun passierte auf diesem Workshop ja eigentlich nichts. Außer schweigend sitzen und essen. Es wurde keines unserer Probleme diskutiert. Niemand gab uns Tipps wie wir unsere Probleme besser lösen können. Kein Coaching. Keine systemische Aufstellung. Kein Therapiegespräch.

Und doch gab es am Sonntag Abend ein wahnsinnig positives Feedback von allen Teilnehmern.

Distanz zum Problem hilft

"Meine Probleme sehe nicht mehr so bedrohlich aus!"

"Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich es schaffen kann!"

"Bin entspannter und kann auf das Problem besser und stressfreier schauen!"

Im Kern meldeten alle Teilnehmer, dass es Ihnen gelungen ist eine größere Distanz zu den eigenen Problemen zu finden.

Man schaute plötzlich auf die Probleme - und war nicht ein Teil der Probleme. Am Anfang hatte jeder das Gefühl, dass die Themen einem direkt auf die Nase geklebt waren. Und egal wohin man sich drehte - überall sah man DAS Problem.

Dann setze man sich auf sein Meditationskissen und es wurde gruselig. "Warum sitzt du hier rum? Was soll das denn? Du hast echt einen vollen Schreibtisch - und solltest an die Arbeit gehen." Die Gedanken wurden erst stärken und wilder. Wie sollte man das nur aushalten?

Mit jeder Stunde mehr jedoch, konnte man sich der Ruhe erfreuen. Der Atem wurde tiefer und man gab sich dem hin - weil es eh nichts zu tun und zum ablenken gab. Mit jedem Atemzug entspannte ich mich und es wurde mehr und mehr zu Wohltat nichts reden zu müssen. Der Kopf wurde leiser und leiser.

Schweigen und bei sich ankommen. Atmen. Sitzen und Ruhe. Und vor allen Dingen die Gedanken kommen und gehen lassen. Darum geht es, wenn wir Meditieren.

Melonen auf einem Fluss

Im Zen gibt es das schöne Bild, dass Gedanken wie Melonen auf einem Fluss sind - welche an uns vorbeitreiben.

Und wir sollten sie in diesem Fluss nicht aufhalten. Und nicht festhalten. Einfach treiben lassen.

Das Schweigen und das Sitzen in einem Zen-Raum hilft uns, wieder unsere Position am Fluss einzunehmen - und wir sitzen nicht mehr auf den Melonen. Und werden ganz seekrank vom Schaukeln auf dem Fluss.

Und genau darum geht es bei der Meditation im Kern.

Meditation und Führung

Führung bedeutet, dass wir täglich vielen Gedanken und Emotionen ausgesetzt sind. Wir müssen entscheiden. Menschen präsentieren uns ihre Meinung. Wir haben Sorgen. Manchmal ist der Druck groß und alle schauen auf einen, damit man eine Lösung vorschlägt.

Und gerade hier habe ich gelernt, dass ich dann eine Zeit Ruhe brauche. Es ist bei mir nie das heilige Sitzen auf einem Kissen. Mir reichen 15 min alleine in einer Sauna am Abend. Oder ein leerer Raum in dem ich alleine SEIN kann. Alles was bewusst ist und wo ich spüren kann wo ich wieder bin.

Deshalb ist Meditation für mich nicht etwas spirituelles oder gar religiöses. Auch wenn es aus den diversen Religionen kommt - so kennt auch das Christentum die Kontemplation.

Es ist einfach eine Chance ganz wieder bei sich ankommen. Seine Mitte und Kraft spüren. Wenn es draußen wild tobt und wir in Versuchung geraten uns im Außen zu verlieren.

Die Sache mit dem Blinddarm

"Wenn der Arzt im Blinddarm sitzt - kann er den Blinddarm nicht entfernen!" - diesen Vergleich zitiere ich oft auf meinen Vorträgen. Und es ist wahr.

Wer Probleme lösen will, darf nicht Teil des Problems sein. Er muss entspannt von draußen drauf schauen und genauso entspannt entscheiden, was zu tun ist. Aus der inneren Kraft heraus.

Handeln im Nicht-Handeln

Im Daoismus gibt es das Wu-Wei. Das "Handeln im Nicht-Handeln", welches beschreibt nicht gegen die Natur zu kämpfen - sondern sich dem Fluss hinzugeben und mit dem Leben zu agieren.

Es ist nicht, dass wir nicht handeln sollen. Im Gegenteil. Wir sind aufgerufen aktiv zu werden - aber aus unserer inneren Kraft und mit der Lebensenergie, dem Tao, und nicht dagegen.

Und um das "hinzubekommen", brauchen wir regelmäßig Stille und Rückzug. Atmen und nichts tun. Denn dann sehen und fühlen wir eher was zu tun ist - und was eben nicht.

Das ist der Grund, warum ich in den letzten Jahrzehnten keinen einzigen erfolgreichen Menschen kennen gelernt habe, der nicht meditiert. Und zwar regelmäßig.

Reflektion und Aktion

In unserer modernen Sprache kann man es auch nennen "Reflektion und Aktion". Und der Teil Reflektion sollte immer den größten Anteil haben. Dann wird die Handlung umso entschlossener und effektiver.

Ich glaube hier schließen sich auch die Kreise mit der Frage nach effektivem Arbeiten. Unser Verstand sollte klar sein - "Mind like water", wie es David Allen immer nennt. Unser Leben und unsere Organisation sollten so ausgerichtet sein, dass wir exakt wissen was zu tun ist. Noch viel wichtiger ist jedoch, dass wir wissen was nicht zu tun ist.

Und daran hat Meditation einen größeren Anteil als zum Beispiel eine riesige, perfekte To-Do-Liste.

 

Ende vom Teil 1

 

FührungBoris Thomas