Innere Bilder und Potentialentfaltung

Unsere inneren Bilder

Das Maß, in dem wir in der Lage sind unsere Potenziale wirklich zu entfalten, hängt dramatisch davon ab welchen inneren Bilder wir von uns selber haben. Oder besser formuliert: aufgrund von gemachten Erfahrungen, definieren wir unsere eigenen Grenzen durch unsere inneren Bilder.

Ich habe über diesen Punkt in den letzten Wochen intensiv nachgedacht. Und dabei sind mir einige sehr interessante Studien untergekommen.

Dr. Dov Eden von der Tel Aviv Universität untersuchte 1995 25 Kadetten vor ihrem ersten Einsatz (Studie: http://psycnet.apa.org/record/1996-93462-001 ). Der einen Hälfte der jungen Männer sagte er, dass diese aufgrund von seinen Testergebnissen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht seekrank werden würden und ihre erste Reise auf See sehr gut überstehen werden. Der zweiten Gruppe sagte er nichts dergleichen. Beide Gruppen wurden jeweils komplett zufällig ausgewählt.

Und das Ergebnis war wahrlich überraschend: die Hälfte der Kadetten, denen man attestiert hatte sie würden gut ihre erste Reise überstehen, wiesen praktisch keine Kennzeichen von Seekrankheit auf – mit einem mehr als deutlichen Unterschied im Vergleich zur anderen Gruppe.

Dies zeigt nachdrücklich die Bedeutung unserer inneren Bilder für unsere Einstellung und unser Verhalten.

Was sind genau innere Bilder?

Für mich sind innere Bilder eine angenommene Wirklichkeit. Sie definieren unseren Handlungsrahmen und das von dem wir glauben was wir sind und was wir können. Aber es sind nichts weiter als innere Bilder. Also nicht die Wirklichkeit, sondern von anderen oder von uns akzeptierte Wahrheiten.

Beispiele dafür kennen wir alle:

„Mathematik kann ich nicht! Ich habe es nicht so mit Zahlen“

„Ich kann nicht vor Menschen sprechen!“

„Ich bin immer so hektisch! So bin ich halt!“

„Ich habe mich daran gewöhnt, dass in meinem Leben immer alles schief geht!“

Innere Bilder von anderen über uns

Inzwischen gibt es auch zahlreiche Untersuchungen dazu, dass selbst innere Bilder von anderen über uns unser eigenes Verhalten tagtäglich beeinflussen. Legendär ist der Versuch mit Lehrern, welche man vorher informierte welche Schüler besonders gut und welche Schüler besonders schlecht in einer Klasse waren. Diese Schüler waren jedoch rein zufällig ausgewählt ohne Rücksicht auf ihre tatsächliche Leistung. Das interessante war, dass über ein Schuljahr signifikant abzulesen war, dass die zufällig ausgewählten guten Schüler sich ebenfalls über durchschnittlich gut entwickelten – während die zufällig ausgewählten schlechten Schüler, sich bei diesem Lehrer unterdurchschnittlich entwickelten.

Dies gilt insbesondere auch für unsere Unternehmen. In dem Maß wie ich auf meine Mitarbeiter oder auch meine Kunden schaue, beeinflusse ich, wie meine Mitarbeiter oder Kunden sind. Wenn ich die Potenziale eines Mitarbeiters wirklich entfalten will, müssen meine inneren Bilder auch dem entsprechen. Habe ich Misstrauen in die Entwicklungsfähigkeit meines Teams, wird es mit der Potenzialentwicklung sehr schwer.

Erfahrungen und innere Bilder

Unsere inneren Bilder und Einstellungen entstehen auf Basis von gemachten Erfahrungen. Und diese Erfahrungen führen zu einem bestimmten Verhalten. Deshalb ist es großer Schwachsinn bei Menschen am Verhalten „herumzudoktern“. Der einzige Weg das Verhalten von Menschen zu verändern, ist sie einladen neue Erfahrungen zu machen – um darüber ihre inneren Bilder und Einstellungen zu verändern. Rein wissenschaftlich gelingt dies am besten, wenn wir selbst unsere inneren Bilder in Bezug auf den anderen verändern.

Da speziell die Erfahrungen in Krisen bleibenden Einfluss auf diese inneren Bilder haben, müssen wir in der Führung gerade in Krisenzeiten genau aufpassen, wie wir reagieren. Denn das sind Erfahrungen, welche unter Umständen zu inneren Bildern führen, die einer Potenzialentfaltung eines Mitarbeiters für Jahre im Wege stehen. Deshalb weise ich immer wieder darauf hin dass kulturbestimmend für ein Unternehmen immer die Krise ist. Hier entscheidet sich wie innovativ, inspirierend und großartig ein Unternehmen danach sein kann.

Durchlebte Krisen

Der Vorteil einer gut durchlebten Krise mit all ihren Erfahrungen und Tiefschlägen ist, dass es dazu führen kann meine inneren Bilder zu stärken. Ich weiß ich kann eine Krise überleben. Ich weiß das es morgen weitergeht. Dies erhöht enorm meine Stressresistenz. Und das macht auch den Wert von erfahrenen Mitarbeitern aus, welche schon einige Krisen hinter sich gebracht haben. Eine gut durchlebten Krise kann somit auf lange Sicht eine enorme Stärkung unseres Selbstvertrauens und unserer Selbstsicherheit sein.

Die Welt ist das, was du von ihr denkst

Am Ende bestätigten Wissenschaft lediglich die alte Weisheit des Ostens. Das, was du von der Welt denkst – wird diese Welt sein. Und wer sich für die Potenzialentfaltung seines Teams interessiert, kommt an diesen Erkenntnissen kaum vorbei. Mein Potenzial richtet sich am Ende nach meinem Verhalten, welches auch meinen gemachten Erfahrungen basiert, die zu bestimmten inneren Bildern führen – welche wieder direkt und unmittelbar mein Potenzial im Leben beeinflussen. An jeder Stelle von diesem Zyklus kann ich eingreifen - am effektivsten ist jedoch, wenn ich erst einmal beginne meine eigenen Bilder die ich von meinen Mitarbeitern und Kollegen habe, zu verändern.

Deshalb ist für mich in der Führung immer wieder eine Frage enorm relevant: „Wie schaust du auf Menschen?“

 

 

 

 

 

FührungBoris Thomas