Haben wir noch die Nerven für echte Beziehungen? Ein Aufruf an uns "Sofort-Glücksjunkies" für mehr Leben im Leben!

Der Weg in die Abhängigkeit

Social media networking and global internet communication concept, closeup view of thumbs up hand symbol on computer keyboard button with like word on itKennt doch jeder! Man postet sein Abendessen auf Facebook - und wartet: Wer wird es wohl "liken"? Wie viele werden es sein? Wer kommentiert was?

Und dann die Erlösung! Der erste "Like"! Oh, und ein Kommentar: "Sieht lecker aus!". Gleich mal antworten. "Ja - ist es auch - Hammerlecker!"

Welch wunderbares Gefühl macht sich dabei in unseren Hirnen breit!

Generation Dopamin-Junkies

Schiefertafel mit der chemischen Formel von Dopamin

Wir sind zu Dopamin-Junkies geworden. Jeder LIKE setzt dieses wundervolle Glückshormon frei. Genau wie der erste Zug aus der Zigarette am Morgen, der erste Schluck Rotwein, guter Sex oder wenn wir bei einem Spiel gewinnen. Dopamin ist ein Teufelszeug. Es macht uns glücklich - aber auch extrem abhängig.

Und die sozialen Netzen bieten uns 7 Tage die Woche und 24 Stunden am Tag Zugang zu dieser Droge Dopamin. Und zwar sofort und jetzt. Für Follower auf Instagram muss ich nichts tun - ein paar gute Hashtags - und schwupps haben ich "Follower" oder "Freunde".

Und wenn es mir nicht gefällt - ein Klick - und wir sind nicht mehr befreundet. Keine langen quälenden Gespräche. Ein Mausklick - und man ist getrennt.

Easy come - easy go

Unsere Hirne lernen, das wir alles haben können - und zwar sofort und ganz einfach. Ohne sich anzustrengen.

Wir wollen etwas kaufen? Klick - nächster Morgen und Amazon Prime steht vor der Tür.

Ich will doch mal einen echten Menschen treffen - Tinder öffnen - swipe rechts und links - und zack ein Match. Und zack - noch am selben Abend in die Kiste. Aber die Unterwäsche gefällt mir nicht? Klick - geblockt und gut.

Ertragen wir noch, dass Scheitern zum Leben dazu gehört?

Eltern klagen heute Kinder auf das Gymnasium. Egal ob sie die Begabung dafür mitbringen.

Da werden Klagen eingereicht, wenn die Noten zu schlecht sind. Mit dem Ergebnis das die Notendurchschnitte immer besser werden - egal zu welcher Leistung.

Was lernen Kinder daraus? Du brauchst dich nicht anzustrengen - Abi und gute Noten gibt es auch so.

Warum anstrengen und um eine Beziehung kämpfen - wenn Tinder mir einen neuen Partner in Stunden "liefern" kann?

Warum in einem Job durchhalten und für meine Vision kämpfen - wenn das nächste coole Start-Up nur auf mich wartet?

Fakt: Wir sind nicht glücklich

Wir könnten die glücklichste Generation in der Geschichte der Menschheit sein - sind aber in Wahrheit immer nur kurz vor dem Glück - erreichen es aber irgendwie nie.

Nie gab es weniger Armut, weniger Kriege, mehr Wohlstand auf der Welt. Nie hatten wir mehr Optionen zu reisen, unser Leben selbst zu gestalten. "Wir leiden unter immer weniger - und dem wenigen aber immer mehr!" sagte einmal Matthias Horx auf einem Vortrag treffend. Und es stimmt.

Wir sind getrieben von der Fiktion des "Instant-Glücks". Das nur einen Mausklick entfernt sein soll. Die Facebook-Postings suggerieren uns endlose Fröhlichkeit - wir sind wohl die einzigen die es nicht drauf haben.

Immer ganz kurz vor dem ganz großen Glück. Immer auf dem Sprung. Getriebene in einer Welt voller Optionen und materieller Sicherheit wie nie eine Generation vor uns.

"Freibier - gibt's morgen" habe ich einmal im Eingang zu einer Kneipe gesehen. Welch Sinnbild für unser Leben. Morgen - dann finde ich mein Glück. Dann werde ich eine erfüllte Beziehung und den Job haben, der meiner wahren Bestimmung entspricht.

Die endlose Suche nach unserer Bestimmung

Thoughtful confused handsome man has many questions no answer"Ich würde es ja tun - wenn ich nur endlich wüsste was!" diesen Satz höre ich in letzter Zeit so oft. Irgendwie soll jeder seine Bestimmung leben, seinen Weg finden, das wo dein Herz dich hinzieht, das soll es sein. Was für ein Stress!

Ich glaube nicht daran, dass man auf dem Sofa sitzen kann und wartet kann bis die Erleuchtung zu schlägt und es einen voll erwischt - und dann weiß man welcher Job der richtige ist. Oder was der richtige Partner ist.

Noch kann man ewig um die Welt reisen - immer auf der Suche nach sich selbst und seiner Mission. Und sich endlos frustriert fragen, wo man selbst eigentlich ist - damit man sich doch nun endlich mal finden möge.

Vielleicht ist es alles viel einfacher. Stehe morgens auf und tue was zu tun ist. Tue es voll und ganz. Mit vollem Herzen. Dann sind die Menschen in deinem Leben einfach die besten Menschen für dich. Und dein Job ist einfach das was du tust.

Diese endlose Flucht und Suche nach dem großen erfüllenden Ganzen führt uns nur immer weiter ins Unglück.

Werden wir endlich erwachsen: Es gibt keine Fee mit dem Zauberstab!

Es gibt keinen einfachen Weg zum Glück, zu wahrer Freundschaft und zu wahrhaftiger Liebe. Es ist ein Weg, der gegangen werden muss. Es erfordert uns selbst - und keinen Hashtag oder Klick. Wir selbst müssen da durch. Über Stock und Stein.

Und ja - es fühlt ich manchmal scheiße an. Unser Hirn weigert sich. Wie stressig dieses doofe Leben sein kann. Es kann doch nicht so mühsam sein!

Wie reagieren wir auf Stress?

Sad child, boy, sitting on a window shieldWenn wir Stress haben, wenden wir uns zu dem was schnell Dopamin produziert - aber wir gehen nicht wir früher zu einem Freund um zu reden - wir posten es. Und entspannen uns. Es gibt Menschen  da draußen denen geht es genauso. Die sind auf meiner Seite - also auf meiner Facebookseite. Und teilen ihr Mitgefühl. Wundervolle neue Welt!

Studien zeigen, dass die Rate von Facebooknutzung parallel läuft zur Rate der Depression. Je mehr Social Media - desto mehr Depression. Spannend, oder? (siehe Interview im Spiegel dazu)

Wir alle sind zu Abhängigen geworden. Und verfolgen eine Illusion. Dem Traum von sofortigen Glücksgefühl. Für das ich mich nicht anstrengen muss. Für das ich nicht arbeiten muss. Das einfach so zu mir kommt. Und zwar jetzt.

Da unterscheiden wir uns nicht wesentlich von Drogenabhängigen. Auch hier wird die Droge benutzt um sich sofort und ganz schnell gut zu fühlen - und der unangenehmen Welt entfliehen.

Flucht vor dem was nicht sofort glücklich macht

"Ich glaube ich kündige - weil ich bin hier jetzt seit 6 Monaten und irgendwie fehlt mir hier was."

"Diese Beziehung hat keine Zukunft - irgendwie fühle ich mich nicht wohl nach 2 Wochen - ich glaube wir beenden es"

Wenn uns ein Sport, eine neue Beziehung und Freundschaft, ein neues Hobby nicht sofort gefällt - weichen wir zurück. Unser Hirn rebelliert: "Was soll das? Macht mich nicht glücklich! Schnell weg!"

Freundschaften entstehen durch die kleinen Dinge - und brauchen Zeit

Dabei zeigen alle Studien: echte Freundschaften, Vertrauen in den anderen, auch im Job - das braucht Zeit und Hingabe. Es braucht Achtsamkeit in die kleinen Dinge. Ein persönliches Gespräch. Ein paar nette Worte am Morgen. Sich um den anderen kümmern. All die kleinen Dinge.

Wir dürfen wieder lernen, dass es Geduld braucht. Zeit. Uns selbst.

Mein Team ist in Krisen gewachsen

Viele meine Mitarbeiter in meinem Team sind eine gefühlte Ewigkeit an Bord bei Lattoflex. Wir haben gemeinsam in den letzten 20 Jahren viele Krisen überlebt und durch litten. Mussten oft sehen, dass wir mit dem was wir wollten, gescheitert sind. Hatten Meetings, in denen wir gerne rausgerannt wären, weil Scheitern nicht toll ist. Wenn alle die Köpfe hängen lassen.

Aber genau in diesen Momenten - und das wir den Mut hatten gerade da weiter zu gehen - da entsteht echte Bindung. Da entsteht ein tiefes Vertrauen ineinander. Wer da weg rennt, wird es nie erleben. Die Stärke meines Lattoflex-Teams ist in den Krisen entstanden - nicht in den zahlreichen Momenten unserer Erfolge.

Und das gilt für alle unsere Lebensbereiche. Die Stärke einer Beziehung entsteht in der Krise und nicht bei schönen Wetter wenn die Sonne scheint. Deshalb müssen wir es aushalten wenn es mal nicht rund läuft.

Flow

"Flow" - also wenn es fließt und wir ein tiefes Glücksgefühl erleben - entsteht in dem Raum zwischen Unter- und Überforderung. Aber in jedem Fall ist eines sicher: Basis von Flow ist immer das wir gefordert sind. Wir müssen uns bewegen. Raus aus der Komfortzone. Da wo es sich ungemütlich anfühlt. Und es ertragen das es irgendwie nicht sofort "awesome" ist.

Welch tiefes Glücksgefühl ist es etwas wirklich durchgekämpft zu haben? Zum Training gegangen zu sein - auch wenn man keine Lust hatte. Durch ein Tal hindurchgegangen zu sein - und erlebt zu haben, dass die Sonne wieder beginnt zu scheinen.

Die letzte Etappe auf meinem Weg zum Kilimandscharo war kein Spaß. Echt nicht. Aber den Sonnenaufgang auf dem höchsten Gipfel Afrikas zu erleben - dafür hat sich die Quälerei gelohnt.

Was genau fehlt?

Young sprout in springtime,Closeup.Das, was wirklich etwas bedeutet in unseren Leben - ob es eine Fähigkeit ist, eine Beziehung, Liebe oder ein erfüllender Job ist - braucht Zeit und Geduld. Liebe zu den Details. Aufmerksamkeit. Und die Bereitschaft auch mal ein Tal zu durchschreiten ohne gleich die Flucht zu ergreifen.

Wir dürfen in einer Welt der unendlichen Optionen lernen, dass es nur um das geht, was in uns ist.

Tony Robbins sagt immer: "Erfolg ohne innere Erfüllung ist der ultimative Fehlschlag!"

Wir suchen den Erfolg - das Glücksgefühl mit dem nächsten Tinder-Date, dem nächsten Klick, dem neuen Job. Und wenn wir es erreichen, dann stellen wir wieder fest, dass es uns nicht erfüllt. Lass uns die Jagt beenden. Und die Suche dort fortsetzen, wo wir wirklich einen Schatz finden - in uns selbst.

Und ja - es kann bedeuten, dass wir kämpfen müssen. Das wir Krisen erleben. Und unser Leben anders läuft als wir es uns wünschen. Hier der Versuchung widerstehen sofort den "Ent-Freunden-Knopf" zu klicken - das ist wohl die wahre Lernaufgabe unserer Zeit.

Was wäre wenn...

Was wäre wenn der Platz an dem wir gerade jetzt sind, der richtige für uns ist? Wenn die Menschen in unseren Leben, die richtigen sind? Die Beziehung und unser Job genau richtig sind?

Ich will nicht sagen, dass man ewig in einem frustrierenden Job festhängen sollte. Oder in einer Beziehung, welche einen nicht erblühen und wachsen lässt, zu blieben bis zum Ende der Tage.

Aber ich plädiere dafür den Dingen mal eine Chance zu geben - auch wenn es mal nicht rund läuft und wir nicht gleich und auf den Schlag erleuchtet und glücklich sind.

Geben wir uns doch nochmal voll. Uns selbst. Und schauen wie es sich verändert. Gehen können wir immer noch.

Dieser Text ist ein Aufruf daran, sich dem echten Leben zu stellen - anstatt mit der Illusion von sofortigen, endlos glücklichen Beziehung ewig unglücklich zu leben.

Das Jahrhundert der Singles

Jeder sucht die perfekte Beziehung. Und auch hier spielt das Netz eine fatale Rolle. Unsere Standards, was ein idealer Partner alles leisten soll, werden höher und höher. Bis kein lebendes Wesen sie noch erfüllen kann.

Lasst uns die Wahrheit anschauen: nein, es gibt keinen perfekten Seelenpartner. Dies ist ein Gedankenkonstrukt, welches kaum einer realen Überlegung standhält. Und uns abhält vom echten Leben und echter Liebe.

Statt seinem angeblichen Seelenpartner oder seinem "Seelenjob" ewig hinterher zu hecheln - wie wäre es wenn wir einfach mal mit den Menschen weiter gehen, die jetzt in unserem Leben sind. Egal wie ungemütlich es werden kann, wenn man sich mit dem echten Leben einlässt.

Wie gesagt - gehen können wir immer noch und jeden Tag. Aber wäre es nicht mal einen Versuch wert?

Ein paar konkrete Punkte

  • Es geht um die Balance. Facebook ist nicht schlecht. Oder Tinder. Ich liebe all diese technischen Möglichkeiten aus tiefstem Herzen. Es sind wundervolle Werkzeuge, die unser Leben bereichern können. Was wir lernen dürfen ist eine neue Balance zu finden. Besitzen wir das Internet oder besitzt das Internet uns?
  • Geduld. Lass uns wieder Geduld lernen. Und es schätzen lernen, wenn das Glücksgefühls uns tief in uns selbst erreicht - wenn wir auch mal durch ungemütliche Zeiten gegangen sind. Gras wächst nicht schneller wenn man daran zieht. Und so ist es mit Beziehungen. Geben wir ihnen die Zeit und den Raum zu gedeihen.
  • Aushalten, dass Scheitern existiert. Ja, man kann scheitern. Nicht alles läuft auf Anhieb. Aber wenn ein Weg nicht geht - dann nehmen wir halt einen anderen. Aber dazu müssen wir ertragen, dass es dieses Leben nicht ein endloser "Glücksspielplatz" ist.
  • Führung heißt Menschen zu ermutigen nicht aufzugeben. Wenn wir Verantwortung für Menschen haben, bedeutet es auch immer wieder, sie zu ermutigen weiter zu gehen und nicht zu schnell aufzugeben. In einer Ich-will-Glück-sofort-Gesellschaft hat Führung die Aufgabe, Menschen wieder zu zeigen, welchen Wert es hat, durchzuhalten und Beziehungen eine Chance auf Wachstum zu geben.
  • Eltern, ertragt endlich wieder, dass eure Prinzen und Prinzessinnen im Leben unglücklich sein dürfen, scheitern dürfen und lernen dürfen, dass man sich für seinen Erfolg auch anstrengen darf. Ihr helft euren Kindern nicht, wenn ihr ihnen dieses Sofort-Glücksgefühl auch noch in der Erziehung bestätigt.  Unterstützt sie auf ihrem Weg - aber lasst zu, dass wenn sie schlecht in der Schule sind, sie eben auch sitzen bleiben.

Auf zum wahrem Glück

Beautiful smiling cute babyDiese Zeilen mögen ungewöhnlich klingen. Aber sie sind eben wahr. Schauen wir uns um. Wie Menschen Beziehungen angehen. Wie wir unseren Job betrachten. Immer sind alle auf dem Sprung. Man findet kam noch gemeinsame Termine - es sei denn wir melden uns Wochen vorher an. Danke, Doodle!

Deshalb sollen diese Zeilen eher ein Anstoß sein, sich dieser Dysbalance in unseren Leben bewusst zu werden. Glück ist ein innerer Prozess. Und manchmal ein langer Weg. Aber er ist der einzige Weg, der wirklich zu tiefen Freundschaften führt, welche auch Krisen aushalten.

Im Kern müssen wir erkennen, dass diese "Ich will alles und sofort und ohne Anstrengung"-Idee uns weit entfernt hat, von dem wirklichen Leben und dem worum es wirklich geht. Es ist eine Falle - aber wir können jederzeit aussteigen.

Vielleicht ist 2017 das Jahr, in dem mehr und mehr Menschen erkennen, dass es Zeit ist inne zu halten und dem Leben wieder eine Chance in unseren Leben zu geben. Laden wir doch mal das echte Leben wieder ein in unser Leben - und schauen wie es sich anfühlt, wenn wir wieder den Mut haben uns selbst zu verschenken. Der Welt und den Menschen in ihr.

Mögen wir uns alle neu begegnen!

P.S. Dieser Blogbeitrag liegt mir sehr am Herzen. Wenn dir die Gedanken gefallen, dann freue ich mich, wenn du sie weiterverbreitest!

 

 

FührungBoris Thomas