Erst wenn ihr das letzte Video hoch geladen habt, werdet ihr merken das man Views nicht essen kann!

Machen E-Mails unsere Arbeit wirklich effektiver?

Nun sind E-Mails wirklich nützlich. Das ist hier keine Frage. Aber in den letzten Wochen mache ich mir so meine Gedanken dazu.

Denn wie jede Technik sind auch Mails nicht ohne "Nebenwirkungen".

Und diese Nebenwirkung ist die Illusion von Nähe. Wir glauben, dass Mails uns als Menschen verbinden. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall.

Mails sind ein geschützter Raum, in dem wir etwas schreiben können, was wir Auge in Auge nie sagen würden.

Der Druck auf "Senden" und wir sind raus. Soll doch der Empfänger sehen wie er mit unseren Ergüssen klar kommt.

Virtuelle Nähe

In Firmen grassiert zudem unter Führungskräften die Idee: Wenn ich es mal per Mail raus gehauen habe - dann ist es in den Köpfen meiner Mitarbeiter angekommen und verankert.

Genauso wie die Führung oft glaubt, dass eine Imagebroschüre die Kultur des Unternehmens ändert. Nach meiner Beobachtung ist eher das Gegenteil wahr.

Menschen folgen Menschen - und niemals Worten. Das vergessen wir oft. Und hier liegt die Falle der virtuellen Nähe.

Wahnsinn Telko

Neben Mails an große Verteiler gibt es das Ritual der Telefonkonferenz.

Nichts gegen Gruppen-Telefonate - das kann auch mal nützlich sein.

Aber das Ritual einer Telko mit mehr als 10 Mitarbeitern führt nur zur Verschwendung von wertvoller Lebenszeit. Ich würde gerne mal filmen was Mitarbeiter machen - während sie gelangweilt den Worten aus dem Telefonhörer lauschen.

Skypen und Illusion vom Sehen

Dann ist da ja noch Skype. Das macht es auch nicht besser.

Ja, man sieht sich - aber es ist auch stressig. Weil wer würde einfach mal so spontan skypen? Niemand. Denn man muss ja erst überprüfen, wie man aussieht und ob das Büro auch aufgeräumt ist.

Und nur weil man den anderen im Video sieht - ist es eben kein Ersatz für die volle Wahrnehmung einer Person "in echt".

Worte haben Bedeutungen - und zwar für jeden andere Bedeutungen

Und auch das kennen wir alle. Ein geschriebenes Wort führt häufiger zu Missverständnissen als wenn wir es sprechen zu einem Menschen. Gestik und Tonlage schwingen mit und machen den Inhalt und die Bedeutung klar. Ist es ernst gemeint oder ironisch?

All das geht im Mail verloren.

Vision getippt oder gesprochen?

Nehmen wir an, Martin Luther King hätte seine legendäre Rede per Mail rum geschickt:

"Memo an die politische Führung: Ich hatte letzte Nacht einen Traum in dem ich von der Gleichheit aller Menschen geträumt habe. Ich hoffe, dass dieser Traum in einem Zeitkorridor von 20-30 Jahren wahr werden könnte. Momentan werde ich nach eine Lösung suchen, wie wir das Projekt erfolgreich abschließen können. Zumal auch die Budgetfrage noch offen ist. Weiter brauchen wir aktive Marktforschung, um unsere Zielgruppe zu analysieren, bevor wir starten."

Und unten steht dann noch. "Kein Teil dieser Mail darf weitergeleitet werden und ist nur für den Empfänger bestimmt!"

Wirkung? Null!

Zum Glück hat er jedoch die Rede gehalten - und wurde so zur Legende aller Reden die je gehalten wurden:

"Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückgehen werde. Mit diesem Glauben werden wir den Berg der Verzweiflung behauen, einen Stein der Hoffnung. Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam in das Gefängnis gehen können, um gemeinsam einen Stand für Freiheit mit dem Wissen zu machen, dass wir eines Tages frei sein werden. Und dies wird der Tag sein. Dies wird der Tag sein, wenn alle Kinder Gottes mit neuer Bedeutung singen können: Mein Land, es ist über dir, süßes Land der Freiheit, über das ich singe, Land, wo mein Vater starb, Land des Pilgers Stolz, von jedem Berghang, lass die Glocken der Freiheit läuten. Wenn Amerika eine großartige Nation sein soll, dann muß dies wahr werden."

Welch Kraft! In dieser bebenden Stimmen des Predigers entfaltet sie bis heute ihre Wirkung. Ganz ohne Mails.

Du kannst deine Rechnungen nicht mit Likes bezahlen

Was bedeutet all das für uns?

Ich glaube wir dürfen wieder lernen, das Leben in echt zu zulassen. Und wir dürfen sehen, das es virtuelle Nähe nur bedingt gibt. Es gibt Grenzen - und diese müssen wir erkennen. Sonst verlieren wir uns und unsere Aufgabe und fragen uns warum der Wahnsinn in den Firmen immer größer wird.

Anregungen für echtes Leben

Hier ein paar Gedanken und konkrete Anregungen für mehr "Echt" und weniger "Virtuell":

  • Wenn eine Mail mehr als zwei Mal hin und her geht - lieber aufstehen, sehen und direkt sprechen.
  • Bewusst wahrnehmen wenn Worte ihre Wirkung beim anderen nicht oder falsch entfalten.
  • In sich schauen, ob Telkos oder Skypen unseren Stresslevel erhöhen - dann lieber beenden und andere Wege suchen. Meine Annahme: es stresst mehr und öfter als es wirklich nützt!
  • Schwierige Mails lieber mal eine Nacht in den "Entwürfen" lassen - dann nochmal in einer neuen Zeit lesen - und dann erst abschicken.
  • Die Jagd nach "Freunden" auf Facebook einstellen. Lieber 100 echte Fans - als 10.000 Likes!
  • Visionen und Strategie müssen müssen müssen immer mit Menschen direkt besprochen werden - um ihre Kraft zu entfalten. Hier ist Führung als Mensch gefragt.

Nichts ist so aufregend wie das "echte Echt im Leben"! Und nichts macht uns mehr Angst im 21. Jahrhundert. Denn es bedeutet, dass wir die Kontrolle etwas aufgeben müssen - und Menschen ohne den Schutz eines Mailsystems begegnen.

Aber nichts bringt uns weiter als der mutige Schritt zurück in das echte Leben.

 

 

FührungBoris Thomas