Der Finger, der zum Mond zeigt, ist nicht der Mond! Wie Worte, Bilder und Konzepte uns den Weg zur Erkenntnis versperren!

Finger und Mond

"Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond!"

Dies ist ein alter Zen-Spruch, welcher mir kürzlich wieder ins Bewusstsein gesprungen ist.

Mit dieser Weisheit wollten die alten Meister ihre Schüler ermahnen sehr wachsam zu sein. Denn zu oft starren wir Menschen auf den Finger - dabei will der uns nur die Richtung auf den Mond zeigen.

"Die Landkarte ist nicht die Landschaft!"

Diese Wahrheit stammt von Alfred Korzybski, dem Urvater der allgemeinen Semantik. Und damit sagt er exakt dasselbe wie die alten Zen-Meister mit dem Finger und dem Mond.

Man kann es auch so sagen: Die Worte, mit denen wir den Klang der Klarinette beschreiben wollen - ist eben nicht der Klang selbst. Die Worte, welche ein Gemälde beschreiben sind eben nicht das Gemälde selbst.

Ein Sonnenuntergang bleibt eben der Sonnenuntergang  - egal mit welch wundervollen Worten er beschrieben wird. Oder wer ihn beschreibt.

Die Falle

Wenn wir großen Trainern und Führern lauschen, so laufen wir oft in die Falle, auf die Person zu starren - und nicht auf das wohin sie uns weisen wollen.

Da nehmen wir den Menschen und seine Worte wichtiger,  als das Ziel und den Weg.

Auch auf der politischen Ebene. In den 70ern diskutierte eine ganze Generation jedes Wort von Mao, welches er in seiner legendären roten Bibel niedergeschrieben hat.

Und verpassten dabei komplett worum es eigentlich geht. Statt jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, wäre es hilfreich gewesen, den Blick vom großen Führer und seinen Worten abzuwenden - und zu schauen, was wirklich die Botschaft ist und ob dieser Weg gut oder schlecht ist.

Das hätte der Menschheit viel Leid erspart.

Guru-ismen

Immer wieder verfallen wir Menschen Guru-ismen. Es entspringt unserem Wunsch, dass da draußen doch jemand sein müsste, der weiß wie es geht.

Jemand der mehr perfekt ist, als wir uns fühlen. Der uns sagt wo es lang geht. Und genau dann beginnen wir auf den Finger zu starren und vergessen den Mond.

Nehmen wir ein paar aktuelle Beispiele.

Obama war ohne Frage ein charismatischer Redner - aber war er auch eine guter Präsident für sein Land? Seine Statistiken sind durchaus durchwachsen.

Sein Amtsvorgänger, JFK, wird bis heute glorifiziert - aber hat er nicht die Truppen in Vietnam verdoppelt und die Invasion Kubas befohlen?

Steve Jobs - ohne Frage einer der großen Unternehmerpersönlichkeiten unserer Zeit - hat jahrelange den Unterhalt für seine unehelige Tochter verweigert und seinen Mercedes immer gerne auf dem Behindertenparkplatz abgestellt.

Dalia Lama - sagt viele schöne Dinge - aber wer sich mit der Geschichte Tibets beschäftigt und speziell dem Lamaismus, der sieht dass auch diese Weste nicht weißer ist als die unsere.

Der legendäre Che - ich habe zu den G20 Demonstrationen hier in Hamburg mal wieder überall sein Bild gesehen - ist mit seinen wilden und extrem erfolglosen Aktionen nicht gerade ein Vorbild für effektive Führung und erfolgreichen Kampf für die Menschenrechte - wenn man wagt genau hinzuschauen.

Die Reihe könnte ich endlos fortsetzen. Immer wieder setzen wir rosarote Brillen auf - rechts wie links in der Politik und erst recht in den Religionen - und starren auf den Finger und nicht auf den Mond.

"Das ist Neoliberal!"

Alles mit einem Label versehen ist ein weiterer Weg, uns den Zugang zu neuer Erkenntnis zu versperren. Man klebt einen Aufkleber drauf - und niemand schaut mehr wohin es geht.

Wenn ich auf Spiegel Online die oft unerträglichen "Diskussionen" verfolge, so kann man dieses sehr schön verfolgen. "Das ist Neoliberal!" - und zack - hört ist Diskussion auf. Dann wird die Idee nicht zu Ende gedacht - "weil ist ja neoliberal!".

Mal abgesehen davon, dass ich nie verstanden habe, was dieses Wort bedeutet - es kann der Totschläger jeder Form von Neugierde sein, etwas neues zu erfahren. Da wird "Neoliberal" der Finger - worauf er zeigt ist dann egal.

Oder bei Krankheiten. "Ich habe Burnout", "Ich habe ADHS" oder "Ich habe das  chronische Müdigkeitssyndrom!". Da endet dann alles Denken über individuelle Ursachen. Das Wort ist dann wichtiger als zu schauen, was hier zu tun ist.

Man weiß ja, dass man das jetzt hat. Und fertig.

Der Absender ist nur der Hinweis

Natürlich brauchen wir Menschen und ihre Worte - wie soll sonst Kommunikation stattfinden?

Aber wir müssen uns immer wieder neu bewusst machen:

Der Finger ist nicht der Mond - es ist nur der Finger.

Worte sind eben nur Worte.

Und der Absender ist einfach nur der Absender.

Entscheidend ist doch wohin all das zeigt. Wo ist der Mond?

Neugierde hilft - und Fragen stellen

So hilft es, wenn wir uns diesen Satz immer wieder neu bewusst machen:

"Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond!"

Guruismen sind eine Denkfalle - genauso wie das Bekleben von Ideen mit dicken Wörtern.

Nehmen wir neugierig eine neue Idee, die jemand uns in seinen Worten beschreibt, und schauen wohin sie führt.

Stellen wir Fragen. Öffnen wir die Augen. Und erkennen: es gibt keine perfekten Menschen! Nur ihre Fingerzeige zum Mond.

Und genau darauf sollten wir den Blick richten.

Das befreit das Denken und verschafft uns viele neue Erkenntnisse im Leben und auf dem eigenen Weg - zum Mond.

 

FührungBoris Thomas